Schrift: mangelhaft - Das kann man ändern mit Hilfe der Kalligraphie


Na, hat Sie die Überschrift zusammenzucken lassen? Haben Sie direkt den Blick Ihrer Grundschullehrerin im Nacken gespürt? Oder kennen Sie das, wenn jemand sagt, dass man an der ausgereiften Handschrift den Charakter eines Menschen erkennen kann?
Da laufe ich schnell weg, denn meine Handschrift ist so schrecklich, dass man wahrscheinlich keine guten Schlüsse ziehen würde.

Nun aber mal im Ernst. Meine Schrift ist eine Katastrophe, schon immer. Die Grundschule hat viel Spaß gemacht, aber in Schrift gab es immer schlechte Noten. Das ging später so weiter und je schneller ich schreiben sollte, desto unschöner wurde es. Das war in der Oberstufe bei langen Klausuren nicht so zielführend wie erwünscht. Mittlerweile gibt es ja Computer, ich muss meine “schreckliche” Handschrift in Form meiner Unterschrift nur noch unter die Anträge, Formulare etc. setzen und bin aus dem Schneider. Trotz allem ärgert es mich, dass ich keine schöne Schrift habe.


Ich habe schon immer ein Interesse an schönen Handschriften gehabt, ob die meiner Mutter oder mittelalterliche Evangeliare mit wundervollen Illustrationen. In diesem Zusammenhang spricht man auch von der “Kunst des Schönschreibens” - der Kalligraphie. Dabei geht es aber, anders als in der Schule, nicht allein um eine gute Lesbarkeit, sondern um einen ästhetischen Umgang mit der Schrift. Da man im sakralen Zusammenhang der westlichen Welt auch eine Lesbarkeit garantieren wollte und musste, wurde die Schrift nur bedingt kalligraphisch verändert. Im Mittelalter galt dies als eine hohe Kunst.

Gesteigert wurde die “Kunst des Schönschreibens” mit dem Aufkommen der gedruckten Schrift, so dass die Kalligraphie in der Renaissance und im Barock weiterhin an Bedeutung gewann. Einen eigenen Bereich nimmt die arabische, die jüdische und die chinesische, japanische und koreanische Kalligraphie ein. Denn dort werden die “Schreiber” anders geschätzt und/oder der Schrift wird aufgrund eines Bilderverbots eine ganz besondere künstlerische Stellung zuteil.

Wie Sie sehen, handelt es sich bei dem Thema Kalligraphie um ein sehr umfangreiches. Es gibt einige Wege sich dieser Kunst zu nähern oder die Auseinandersetzung zu vertiefen. Immer wieder finden beispielsweise in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe Ausstellungen statt, die Handschriften aus verschiedenen Jahrhunderten, Regionen etc. zeigen. Der Eintritt ist kostenlos und ein kleiner Ausflug lohnt sich, um mal kurz dem Trubel und Treiben der Stadt zu entgehen und zu entschleunigen.

Sie haben diese Woche aber auch die Gelegenheit, mit einem Kalligraph ins Gespräch zu kommen, über die Kalligraphie an sich und über sein Werk, seinen Werdegang und seine Leidenschaft und Liebe zur Schrift. Denn am 2. Februar eröffnet die vhs Karlsruhe um 19 Uhr eine neue Ausstellung im Hofgebäude mit dem Titel “Wiederholte Begegnungen”.



Unser Dozent Hubert Leonhard Graf unterrichtet diese beeindruckende Kunst seit über 15 Jahren an der vhs Karlsruhe. In seiner Ausstellung zeigt er Werke aus 30 Jahren Tätigkeit als Kalligraph. Er beschreibt es als eine Reise, bei der Werke und Schriften zu ihm kamen, er sie nicht bewusst gesucht hat. Eine schöne Vorstellung für diesen kreativen Prozess. Die eine Arbeit führt zu einer anderen und formt so die “Handschrift” des Künstlers und seines Werkes.

Man darf also gespannt sein, wie sich die Kalligraphie im Laufe seines Werdegangs verändert hat. Es wird nach der Vernissage am 2. Februar auch zwei Termine geben, zu denen der Künstler Vorführungen macht. - Ihn stört es nämlich nicht, dass beim Schreiben jemand über seine Schulter schaut :-)

Ich habe natürlich die Gunst der Stunde genutzt und ihn gefragt, ob er eine Chance sieht für meine Handschrift, und was soll ich sagen: Ich dürfte auch in den Kurs. Hurra!

Sie sind herzlich eingeladen uns am 2. Februar zu besuchen!


Sandra Müller-Buntenbroich leitet den Bereich Kultur der vhs Karlsruhe.

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